| Sehr geehrte Damen und Herren,
die Inhalte Ihrer Webseite www.asperger-eltern.de - dabei insb. das
Kapitel über Erziehung finde ich bedauerlich.
Obwohl schon die Internetadresse darauf hinweist, dass es hier im
Kinder und Menschen geht, die durchaus
in der Lage sind, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen
(”Asperger”) erscheinen Ihre Vorstellungen über
den “richtigen” Umgang mit diesen Menschen doch sehr auf einen
einzelnen Punkt begrenzt:
Man muss dem Kind beibringen, die gesellschaftlichen Verhaltensregeln
zu befolgen.
Sie schreiben selbst, dass Methoden wie ABA von vielen Menschen, auch
von Eltern, die damit konfrontiert werden,
als “Dressur” angesehen werden. Dennoch rechtfertigen Sie diese
Methoden und ermutigen Eltern zu deren Anwendung.
Sie gestehen autistischen Kindern immerhin zu, Stärken zu haben, die
beruflich nutzbar sind. Auf deren Förderung gehen Sie
in dem Artikel aber mit keinem Wort ein. Im Gegenteil, sie ordnen die
Fähigkeiten eindeutig den “sozialen” Aspekten unter.
Auch darauf, dass viele autistische Menschen bemerkenswerte
Fähigkeiten im kreativen
Bereich haben, die durchaus genutzt werden können, um Gefühle auf
“andere Art” zu transportieren, gehen Sie nicht ein.
Wie soll ein Kind zu einem lebenspraktisch und intellektuell
selbständigen Menschen heranwachsen, wenn das primäre Ziel im Umgang
mit ihm das sture befolgen von starren, willkürlichen und oft nicht
logisch begründbaren Regeln ist? Wie soll dieser Mensch jemals lernen,
einem anderen Menschen zu vertrauen, wenn die Einhaltung dieser Regeln
mit aller Härte und Konsequenz verfolgt werden soll? Wie soll
dieser Mensch jemals eine eigene Persönlichkeit entwickeln können,
wenn ihm seine Einzigartigkeit verboten wird? Wie soll ein Erwachsener
jemals ein
gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, wenn selbst die Eltern die ganze
Kindheit über versucht haben, ihn nach eigenen Wünschen zu verändern?
Die Möglichkeit, dass Kinder heranwachsen und dabei irgendwann selbst
Einsicht zeigen wird von ihnen mit den Worten “das wird wahrscheinlich
nie geschehen” abgetan. Bedenken Sie dabei, dass viele der heute
erwachsenen Asperger Autisten sehr darunter leiden, sich zu stark
angepasst zu haben und von dritten zu stark angepasst worden zu sein,
obwohl die meisten nie in den “Genuss” Ihrer Therapieprogramme
gekommen sind.
Ich kenne einige Betroffene persönlich, deren Lebensperspektive sich
vermutlich verschlechterte, weil man ihnen nach der Diagnose nichts
mehr zugetraut hat.
Ich weis, Sie meinen es gut mit ihren Kindern. Bitte denken Sie einen
Moment darüber nach, wie ihr Verhältnis zu ihnen aussehen könnte, wenn
sie Jugendliche oder Erwachsene sind. Auch Ihre Kinder werden ihnen
irgendwann auf Augenhöhe gegenüber stehen, wie dann Ihr Verhältnis zu
ihnen aussehen wird, hängt auch davon ab, was Sie heute tun.
Denken Sie bitte auch einen Moment an heute lebende erwachsene
Autisten. Wir sind mit einer Menge Vorurteilen konfrontiert, die
dauernde negative Darstellung belastet nicht nur unser
Selbstvertrauen, sondern die Darstellung als “hilfloser Mensch, der
sich nicht benehmen kann” beeinträchtigt auch unsere Lebenschancen
erheblich. Viele Betroffene fühlen sich gezwungen, ihren Autismus zu
verheimlichen, sie haben Angst davor, dass sich Freunde, Partner oder
Arbeitgeber nur noch ein “Syndrom” anschauen und nicht mehr den
Menschen - um ihm schliesslich keine Chance zu geben. Dieses Problem
werden auch Ihre Kinder eines Tages haben.
Dieser Brief versteht sich als offener Brief. Er wird auch in meinem
Blog (auf www.ckoehler.de) zu lesen sein. Über eine Antwort, die ich
(evtl. in Auszügen) dort wiedergeben werde, würde ich mich freuen. Ich
bin nicht Mitglied irgendeiner Organisation mit Bezug zu Autismus und
schreibe Ihnen rein privat.
Zum Schuss noch kurz zu meiner Person:
Ich bin Christian Köhler, 31 Jahre alt. Im Jahr 2006 bekam ich eine
Diagnose auf “High functioning Autismus” von Prof. Vogeley und Dr.
Huff an der Uniklinik Köln. Nach dem Abitur absolvierte ich eine
Ausbildung als Mathematisch-technischer Softwareentwickler und arbeite
seit dem in der Entwicklung von PC Spielen. Seit ca. 13 Jahren wohne
ich selbständig. Drei Jahre lang war ich Schülersprecher meiner alten
Schule und heute bin ich im Vorstand eines Vereins tätig.
Mit freundlichem Gruss
Christian Köhler |
März 15th, 2010 at 13:18
Mich würde interessieren, ob es eine Antwort gegeben hat.
März 23rd, 2010 at 09:56
Nein, es hat nie eine Antwort gegeben.
Gruss
Christian K.